Auf nach Rio!

Messestand medi OTWorld 2016

Sport war ein großes Thema auf der OTWorld 2016 – wie hier am Stand von medi (Foto: Cathrin Günzel).

OTWorld im Zeichen des Sports mit Versorgungskonzepten für Freizeit- und Profisportler: Sportliche Großereignisse wie die Sommer-Paralympics in Rio de Janeiro warfen auf der OTWorld ihre Schatten voraus. Mehrere Veranstaltungen im Kongress beleuchteten die optimale Versorgung von Sportlern mit und ohne Behinderung. In den Fokus rückten ebenfalls effiziente Therapiemöglichkeiten nach Sportverletzungen. Paralympische Top-Athleten wie Markus Rehm, Heinrich Popow und Marina Mohnen waren in Leipzig zu Gast. Sportsgeist durchwehte die Messehallen: An den Ständen führender Unternehmen der Branche ging es äußerst rasant zu – ob beim Basketball, Breakdance oder Sprint.

Kein sportlicher Erfolg ohne Helfer im “Hinterland”

Wenn im September mehr als 4.300 Athleten aus 178 Ländern zu den Sommer-Paralympics in Brasilien antreten, haben sie einen Tross von Orthopädie-Technikern im Schlepptau. Unermüdlich sorgen diese bei dem Großevent für die Instandhaltung der Hilfsmittel wie Prothesen oder Rollstühle. Etliche der Helfer holte die OTWorld ins Rampenlicht: Feierlich verabschiedeten der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik und Ottobock im Technik-Forum Reha die OT-Profis gen Rio. Mit dabei waren die Leichtathleten Marcus Rehm und Heinrich Popow sowie die Rollstuhl-Basketballerin Marina Mohnen – alle Mitglieder der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Laut Popow ist die internationale Zusammenarbeit für die Versorgung der Sportler “enorm wichtig”: “Ich glaube, dass auch alle Sportler davon profitieren – nicht nur wegen des Know-hows, das die Techniker aus den verschiedenen Ländern mitbringen”, sagte der Paralympics-Goldmedaillengewinner 2012 im 100-Meter-Lauf sowie Mitglied des Top Teams Rio 2016 des Deutsche Behindertensportverbands. Entscheidend seien ebenso der Mix aus Kultur – gepaart mit Technik – und die Herangehensweise an Problemlösungen.

Sportorthopädie: Return to Sports als Ziel

Vom Achillessehne bis Jumper’s Knee und Werferschulter – mit dem Schutz vor Läsionen und Überlastungen beziehungsweise den optimalen Therapien für Sportler befassten sich mehrere Kongress-Symposien. Neben der Prävention stand die Rückkehr zum Sport nach Verletzungen im Mittelpunkt – immer im Hinblick auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Medizinern, Technikern und Therapeuten. Zwei Satelliten-Symposien fanden in Kooperation mit der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) statt: “Der Sportlerfuß – Funktionsdiagnostik und Schuhzurichtung” identifizierte, wo beim Sportlerfuß die Schwachstellen liegen und schilderte praktische Erfahrungen bei der Behandlung von Krankheitsbildern. Des Weiteren wurde das Thema Sportlerschuh aufgegriffen. “Überlastungsschäden im Sport” legte den Schwerpunkt auf Kniegelenk und Muskelverletzungen, Schäden an der Schulter, Verletzungen und Erkrankungen von Sehnen sowie die orthopädieschuhtechnische Versorgung bei Überlastungsschäden.

Sport und Orthopädie-Technik – eine gute Verbindung

Orthopädie-Technik kann die Sportler bestens unterstützen. Dies bewies die Veranstaltung unter dem Titel “Sport und Orthopädie-Technik”. Hier wurden unter dem Vorsitz von Dr. Thomas Schmalz von der Otto Bock HealthCare GmbH und Hartmut Semsch, Geschäftsführer der ORTEMA GmbH freie Einreichungen mit zahlreichen praktischen Beispielen versammelt.

Der Verletzungsprophylaxe mittels der Analyse sportartspezifischer Bewegungsabläufe wandte sich M.A. Simon Suksavadi von der Kriwat GmbH in “Kniestrategie – welche verletzungsprophylaktischen Maßnahmen für eine optimalere Bewegungsausführung gibt es ergänzend zur Laufbandanalyse?” zu. Dabei werden mithilfe einer Videoanalyse immer wiederkehrende Bewegungen aufgenommen und die richtige Ausführung kontrolliert. Gruppenweise filmen zwei Videokameras die Sportler bei: Sidesteps links und rechts, Abbremsbewegung links und rechts sowie Richtungswechsel links und rechts. Mit einem Analyseprogramm werden die Aufnahmen ausgewertet. Die Ergebnisse von Laufband, FMS-Test (Functional Movement Screen Test) und Kniestrategie fließen in eine Punktematrix ein. In ständiger Kommunikation mit den Trainern lassen sich laut Suksavadi somit sinnvolle Tipps zur Trainingssteuerung geben. In der Kniestrategie aufgedeckte Defizite könnten mit speziellen Übungen im Training gezielt angegangen werden. Zusätzlich seien die Resultate der verschiedenen Analysearten in Diagrammen als Einzel- sowie Gesamtmannschaftsergebnis darstellbar, um die Entwicklung der getesteten Mannschaft kontrollieren zu können.

Natürlicher Joggen mit neuartigen Passteilen

Wachsende Professionalität der Athleten und die Weiterentwicklung wettkampfspezifischer Passteile haben den paralympischen Spitzensport vorangetrieben. Doch dieses Equipment eignet sich nicht immer für den Breitensport – zum Beispiel im Hinblick auf das Joggen bei Beinamputierten. Spezifische Neuentwicklungen hätten diese Diskrepanz in den vergangenen Jahren deutlich reduziert, wie Dr. Schmalz im Vortrag “Spezifische Passteile für den Freizeitsport Beinamputierter: Bewertung anhand biomechanischer Parameter” verdeutlichte. So ermöglichten neuartige Prothesenpassteile Beinamputierten ein annähernd natürliches Laufen.

Dr. Schmalz stellte Untersuchungen zu einem Sportprothesensystem für das Laufen von Oberschenkelamputierten und einem Sportprothesenfuß für Unterschenkelamputierte vor. Auf Basis biomechanischer Tests mit acht Oberschenkel- und fünf Unterschenkelamputierten der Mobilitätsgrade 3-4 setzte er sich mit den Funktionalitäten, Möglichkeiten und Grenzen auseinander. Die wesentlichen Passteile der Sportprothese für Oberschenkelamputierte: ein spezifisch adaptiertes Kniegelenk – Rotationshydraulik ohne spezielle Standphasensicherung – in Kopplung mit einem Sportfuß ohne Ferse. Der Sportfuß für Unterschenkelamputierte: eine Carbonfaserkonstruktion mit neuartiger Entkopplung von Fersen- und Vorfußeigenschaften.

Im Biomechanik-Labor wurden laut Dr. Schmalz Daten für mindestens sechs Teilversuche mit selbst gewählter Laufgeschwindigkeit aufgezeichnet. Dabei seien die Bodenreaktionskräfte mit einer Kraftmessplatte erfasst worden und die Kinematikmessung sei mittels eines optoelektronischen Kamerasystems erfolgt. Aus diesen Daten wurden die Gelenkmomente der unteren Extremität berechnet.

Die Tests hätten belegt, dass die Aufbauempfehlungen für das Prothesensystem der Oberschenkelamputierten ein hohes Maß an Sicherheit garantierten. Dazu trage ebenfalls die Schwungphasensteuerung des Kniegelenks bei, welche nach individueller Optimierung bei normalen Laufgeschwindigkeiten einen Flexionswinkel von nahe 90° gewährleiste. Durch ein günstiges Verhältnis von Brems- zu Beschleunigungsstoß ermöglichten die dynamischen Eigenschaften des Prothesenfußes einen effizienten Bodenkontakt. Man könne davon ausgehen, dass die Belastung des Bewegungsapparats beim Laufen mit der Sportprothese nicht wesentlich erhöht sei – denn die kontralateralen Charakteristiken entsprächen qualitativ weitgehend denen von Nichtamputierten. Aufgrund der fehlenden Standphasenbeugesicherung ließe sich das System in Sportarten mit unvermeidbaren Knieflexionsmomenten derzeit nicht anwenden.

Die Daten der Unterschenkelamputierten hätten gezeigt, dass das Laufen mit dem neuentwickelten Sportfuß diese Bewegung wesentlich natürlicher ermöglichen würde – verglichen mit der bisher praktizierten Nutzung von Alltagsfüßen. Die Effektivität und Dynamik der Stützphase mit dem Prothesenfuß werde erhöht, die Differenzen der prothesenseitigen Charakteristiken des Kniegelenks – im Vergleich zu Nichtamputierten – messbar reduziert. Dies unterstütze effektivere Trainingseffekte bei verringerter Gelenkbelastung. “Das Konzept des neuen Fußes ist für den Freizeitsport Unterschenkelamputierter sehr gut geeignet”, resümierte Dr. Schmalz. “Der Fuß hat das Potenzial, ein guter Allroundfuß für den Sportbereich zu werden. Er kann auch bei Oberschenkelamputierten die Sportmöglichkeiten erweitern, kombiniert mit einem entsprechenden Gelenk.”

Prävention für Skisportler

“Skifahren ist die beliebteste Wintersportart in Deutschland und wird von mehr als vier Millionen Sportlern betrieben. Allerdings ist die Verletzungsrate im alpinen Skilauf hoch”, betonte Hartmut Semsch, Geschäftsführer der ORTEMA GmbH und Orthopädie-Technikermeister. Dabei stelle das Kniegelenk mit der vorderen Kreuzbandruptur die am häufigsten beschädigte Region dar. Der größte Teil der Skifahrer, die sich bei ihrem Sport verletzten, seien zwischen 45 und 49 Jahren alt. “Unter 500 untersuchten Verletzungen im alpinen Skiweltcup war mit knapp 38 Prozent das Kniegelenk am häufigsten betroffen”, führte Semsch an.

Über eine Möglichkeit der Prävention von Kreuzbandrissen berichtete Semsch im Vortrag “Return to Sports – Neuentwicklung einer Knieorthese für den Skisport”. Denn während das Tragen von Helmen und Protektoren in Risikosportarten mittlerweile zum Standard gehöre, fehle bislang ein praktikabler Schutz für das gerade im alpinen Skisport hoch belastete und bei Verletzungen am häufigsten in Mitleidenschaft gezogene Kniegelenk. Hier setze die mit einer völlig neuen Rahmenkonstruktion ausgestattete “PrävenThese” an: “Wir haben drei Jahre Entwicklungszeit in das Projekt gesteckt und führen seit 2,5 Jahren Versorgungen durch.”

Die Carbon-Knieorthese mit polyzentrischen Titangelenken stabilisiere das Kniegelenk erfolgreich, ohne die Bewegung einzuschränken. Beim Versuch mit Skirennläufern, die noch nie eine Orthese getragen hätten, sei in einer Skihalle kein Geschwindigkeitsunterschied gemessen worden, berichtete Semsch. “Die Präventhesen für den Skirennsport liegen so eng an, dass sie unter dem Rennanzug nicht zu sehen sind.” Eine spezielle Sportkompressionshose mit Silikonbeschichtung fixiere die Hartrahmen-Orthese rutschfrei. Für den individuellen Zuschnitt des Rahmens würden mehrere 3D-Oberflächenscans in verschiedenen Winkelstellungen des Kniegelenks angefertigt. Somit könnten Zonen am Ober- und Unterschenkel berechnet werden, die bei Muskelaktivität möglichst geringe Volumen- und Formänderungen aufzeigten. Dadurch würden die Anstützflächen ermittelt und die Muskelkontraktion trotz Stabilisierung des Kniegelenks nicht tangiert.

Nicht zuletzt helfe das Produkt verletzten Sportlern, nach kurzer Zeit zu ihren sportartspezifischen Trainingseinheiten zurückzukehren. So habe Stefan Luitz, Nationalkader des Deutschen Skiverbands DSV, damit elf Monate nach einem Kreuzbandriss den Return to Sports geschafft.

Auf die Plätze, fertig, los!

Action auf dem Skateboard: Eric Dargent raste auf der Betonpiste am Leipziger Messesee entlang. Der Franzose hatte 2011 sein linkes Bein bei einem Haiangriff verloren. Für ihn kein Grund, auf das Wellenreiten mit dem Surfbrett oder Stunts in der Halfpipe zu verzichten. Seine neue Knieprothese Easy Ride, vom französischen Unternehmen PROTEOR auf der OTWorld vorgestellt, wurde speziell für Sportarten wie Surfen, Snowboarden oder Mountainbiken entwickelt.

Sport in allen Facetten holten die Aussteller der OTWorld an ihre Stände – ob den dynamischen Breakdancer Tommy Guns Ly mit Rheo Knee bei Össur oder Heinrich Popow und andere Sportler im Sprint auf der extra aufgebauten Laufstrecke bei Ottobock.

Auch für mehr Bewegung im ganz normalen Leben war viel zu entdecken: Össur zum Beispiel hat die aus dem Leistungssport kommende Cheetah-Technologie mit dem Crossover-Prothesenfuß Cheetah Xplore jetzt so konzipiert, dass sie für den aktiven Alltag sowie gleichfalls beispielsweise zum Joggen oder schnellen Rennen verwendbar ist. An eine ganz andere Zielgruppe richtete sich die neue Dynamics Plus Epicondylitisbandage von Ofa Bamberg: Sie bekämpft die Ursachen von Tennis- und Golfer-Ellenbogen und ist ab Juli erhältlich. Dass für Sanitätshäuser der Sportmarkt immer interessanter wird, beobachtete Martin Hepper, Vorstand der SPRINGER AKTIV AG: “So bilden die Sanitätshäuser zum Beispiel zunehmend eigene Einheiten, die sich um das Thema Sport kümmern.” Am Messestand von SPRINGER gehörte Sport zu den “Überthemen”: “Wir haben acht verschiedene Sporteinlagenkonzepte und diese haben wir in Sportstrategien zusammengefasst, um dem vielfältigen Markt noch besser gerecht zu werden.”

Für die Sportler bot die OTWorld die Gelegenheit, Neues auszuprobieren: “Ich treffe immer wieder auf Dinge im Sport, wo ich dran zu knabbern habe – wie irgendwelche Bewegungsausführungen, die ich aufgrund meiner Behinderung nicht machen kann. Hier in Leipzig finde ich meist die Lösung dafür”, erklärte Heinrich Popow. “Was ich dann hier entdecke und was mir ermöglicht, nicht so oft an meine Behinderung zu denken – das ermöglicht mir, den Sport komplett frei und mit ganz, ganz viel Spaß machen zu können.”

Der Artikel erschien in leicht modifizierter Form als Teil der Nachberichterstattung zur OTWorld 2016 in der Ausgabe 7/2016 der Fachzeitschrift OT – ORTHOPÄDIE-TECHNIK.

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