Wie oft trainiert ein paralympischer Top-Athlet?

Intensive Einblicke in den Alltag zwischen Beruf und Profisport gewährte Orthopädie-Technikermeister Markus Rehm auf der OTWorld. Der Goldmedaillengewinner im Weitsprung bei den Paralympics in London 2012 sowie Weltmeister 2015 im Weitsprung und in der 100-Meter-Staffel berichtete, welche Herausforderungen ein Leben als amputierter Spitzensportler mit sich bringt. So beleuchtete er im Interview mit Dr. Casper Grim, Leitender Oberarzt der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie des Klinikums Osnabrück GmbH, sein Trainingspensum, seine Erfahrungen sowie die Anforderungen an die Orthopädie-Technik. In der Gesprächsrunde “Praxis der sportmedizinischen Betreuung im Behindertensport” diskutierte er mit Dr. Hartmut Stinus, Orthopaedicum Northeim, und Moderator Stefan Bieringer, Direktor der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik (BUFA) über die Erwartungen der Sportler an ihre Ärzte. Beide Veranstaltungen fanden in Kooperation mit der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) statt.

Durchschnittlich 25 Stunden

“Der Trainingsaufwand gestaltet sich bei olympischen und paralympischen Sportarten relativ ähnlich”, berichtete Weitsprung-Weltrekordler Rehm im Interview mit dem renommierten Sportmediziner Grim. Er selbst trainiere durchschnittlich 25 Stunden pro Woche, um seine Leistung abrufen zu können. Nur sonntags gönne er sich einen freien Tag. Direkt vor Ausscheidungen fahre er sein Pensum zurück: “Drei Tage vorher trainiere ich fast gar nicht mehr, um zu regenerieren und mich richtig auf den Wettkampf zu freuen.”

Wie die meisten paralympischen Athleten arbeite er – sodass sich die Trainingssessions in die Zeit vor und nach dem Job verteilten. Oft würden Sportler mit und ohne Behinderung gemeinsam trainieren: “Da gibt es keine Unterschiede, nur Kleinigkeiten sind anders. So kann ich im Kraftraum nicht alle Übungen ausführen wie mit zwei gesunden Beinen, aber mit ein paar Tricks lässt sich das zum Teil ausgleichen.”

Königsklasse der Orthopädie-Technik

Als Orthopädie-Technikermeister kennt Rehm die Anforderungen sehr genau, die sein Sport an Mensch und Material stellt. “Die Sportprothetik wird als Königsklasse der Orthopädie-Technik betitelt”, so Rehm. “In Ausbildung und Meisterschule bekommt man sie aber nicht beigebracht.” Sein Rat an alle, die in diesen Bereich einsteigen wollen: Nicht zu viel Respekt vor dieser Aufgabe haben! Ausprobieren und Erfahrungen sammeln.

“Es erleichtert mir natürlich vieles, dass ich Orthopädie-Techniker bin. Ich muss keinem erklären, was ich wie haben möchte“, betonte er. Nicht zuletzt könne er Schäden schnell reparieren – und davon profitieren auch Konkurrenten, zum Beispiel vor Wettkämpfen. “Die paralympische Szene ist wie eine Familie und habe zu meinen Konkurrenten einen sehr guten Draht.” Bei Aufbau oder Abstimmen von Prothesen helfe er gern.

Mehr als perfekte Prothesentechnik

Allerdings sei er kein Fan ständiger Veränderung bei seinen eigenen Sportprothesen. “Manche probieren viel aus, ich bin eher konservativ. Ich würde eher das Training ändern als die Prothese”, erklärte Rehm. “So habe ich in den vergangenen drei Jahren Aufbau und Grundkonzeption meiner Weitsprungprothese beibehalten, nur Verschleißteile ausgetauscht. Was meine Leistung steigert, ist das Training.” Deshalb gebe es Unterschiede zwischen zwei Sportlern, selbst wenn sie gleiche körperliche Voraussetzungen besäßen und die gleiche Blade verwendeten: “Nicht alles ist Prothese, da steckt ein Athlet dahinter, der viel Zeit investiert.”

Weil Rahm darum kämpfte, an den Weitsprung-Wettkämpfen der Olympischen Sommerspiele teilzunehmen, war er kurz vor der OTWorld in Japan und ließ Daten erheben, ob eine Vergleichbarkeit gegeben sei zwischen dem Weitsprung mit Prothese sowie dem Absprung mit einem gesunden Bein. “Ich habe die Messungen aus eigener Intention ins Leben gerufen, um Klarheit zu schaffen für die Zukunft. Denn ich muss dem Weltverband nachweisen, dass ich durch die Prothese keinen Vorteil habe.” (*Update zur Entscheidung des Leichtathletik-Weltverbands unten). “Ich bin und bleibe ein paralympischer Sportler und in erster Linie geht es mir bei einer möglichen Olympiateilnahme nicht um eine Medaille – die kann ich bei den Paralympics erringen. Aber eine Starterlaubnis wäre eine super Werbung für unseren Sport und eine große Chance, ihn noch mehr in die Gesellschaft hineinzutragen.”*

Arzt als Vertrauter des Athleten

Mit dem Zusammenspiel von Hochleistungssportlern und Mannschaftsärzten setzte sich die Diskussionsrunde “Praxis der sportmedizinischen Betreuung im Behindertensport” auseinander. “Ich sehe den Mannschaftsarzt als Freund. Er gehört zum Team”, unterstrich Rehm. Er habe großes Vertrauen in “seine” Mediziner. “Bei den Ärzten liegt eine große Verantwortung, für den jeweiligen Athleten die richtige Entscheidung zu treffen.”

Als Teamarzt müsse man richtig arbeiten und auch mal mit anfassen sowie Skier oder Stangen tragen, betonte Dr. Stinus. Der Mediziner ist seit über 20 Jahren Sportarzt und Mannschaftsarzt des deutschen paralympischen alpinen Skiteams: “Man ist nicht Doc Holiday, sondern mit am Hang. Ich bin immer für meine Athleten erreichbar.” Letztlich freue er sich, zum Erfolg beizutragen. Ein gutes Verhältnis zu den Sportlern sei essenziell – und ebenso, sich mit dem Trainer zu verstehen. Die Kommunikation zwischen der nichtärztlichen Mannschaftsführung, Arzt und Athlet müsse funktionieren: “Rückgrat muss man schon haben – in die eine und in die andere Richtung.” Dies bedeute, die schützende Hand über den Athleten zu halten und dem Trainer zu vermitteln, warum er nicht trainieren oder antreten kann – und dies andererseits auch dem Athleten zu verdeutlichen. Ein wichtiges Thema sei Antidoping: “Das nehmen wir extrem ernst. Zweimal im Jahr schulen wir unsere Athleten.”

*UPDATE: Markus Rehm wird nicht bei den Olympischen Spielen in Rio antreten. Laut Pressemeldung der Deutschen Sporthochschule Köln habe die internationale Studie “Biomechanischer Vergleich des Weitsprungs von Athleten mit und ohne Unterschenkelamputation” ergeben: “Zum jetzigen Zeitpunkt kann nicht eindeutig ausgesagt werden, dass die Prothese von Markus Rehm ihm beim Weitsprung einen oder keinen Gesamtvorteil bietet.” Viel beachtet wurde Rehms Verzicht auf die Olympiateilnahme nach einem Gespräch mit dem Leichtathletik-Weltverband IAAF. Im September 2016 wird der Athlet bei den Paralympics in Rio um Medaillen kämpfen.

Der Artikel erschien in leicht modifizierter Form als Teil der Nachberichterstattung zur OTWorld 2016 in der Ausgabe 7/2016 der Fachzeitschrift OT – ORTHOPÄDIE-TECHNIK.

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